Wolfsgeschichten der anderen Art

 

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Rotköpfchen und der Steppenwolf

von Claude Freymann

Es war einmal ein armer Müller, der lebte mit seiner Frau und seinem Kind in einer halb verfallenen Mühle. Das Kind war ein Mädchen, empfindsam und sanftmütig, und weil es immer gleich rot wurde, wenn es einmal etwas falsches sagte oder tat, nannten alle es nur das Rotköpfchen. Eines Tages gab die Mutter dem Rotköpfchen einen Korb mit Wein und Kuchen und sprach zu ihm: „Bring das der Großmutter, ihr verlangt danach, denn sie sei krank, lässt sie bestellen!„ Das Rotköpfchen machte sich auf den weiten Weg über die öde Steppe. Das Häuschen der Großmutter lag fern am ihrem anderen Ende, und wie das Rotköpfchen so Stunde um Stunde in der glühenden Sonne durch das offene Land wanderte, wurde es hungrig und durstig. Ob es wohl ein wenig vom Kuchen und Wein probieren sollte? Beim Gedanken daran schon lief es wieder rot an, doch dann schaute es über die weite Flur, und da es nirgends eine Menschenseele entdecken konnte, setzte es sich hinter einem Holderstrauch nieder und wollte heimlich ein bisschen naschen.

Wie es gerade den Korb öffnete, stand plötzlich dicht vor ihm ein großer Wolf, der schaute es hungrig an. Das Mädchen erschrak nicht schlecht, als es in die goldglühenden Augen starrte. Doch dann sah es die Sanftmut darin, und das Tier dauerte es. So bot es ihm stumm sein Körbchen an. Der Wolf aber entgegnete ihm: „Willst du mir wirklich einen Korb geben?" „Oh," sprach das Kind furchtsam, „so habe ich das doch gar nicht gemeint." Und da wurde es schon wieder rot. Der Wolf aber sprach freundlich zu ihm: „Du siehst selbst hungrig aus und durstig. Lass sehen, was drin ist in deinem Körbchen, und dann schmausen wir lustig. Gemeinsam schmeckt es besser als allein." „Kuchen und Wein habe ich, das sollte uns wohl schmecken," sagte das Mädchen, „aber die sind für die Großmutter." „Sie ist wohl krank, dass sie nicht selbst für sich sorgt und dich den langen Weg gehen lässt, um ihr Kuchen und Wein zu bringen?" „Ach, sie tut nur wieder so. Sie ist eine garstige Alte und schikaniert uns, wo immer sie kann." sagte erbittert das Rotköpfchen „Warum lasst ihr das denn mit euch machen?" fragte verwundert der Wolf. „Wir sind arm und haben wenig. Aber die Großmutter hat ein Häuschen. Wenn wir nicht tun, was sie sagt, wird sie uns enterben und alles der Kirche schenken." Da sprach der Wolf zu ihr: „Das ist nicht recht so. Komm, wir beide sind hungrig und durstig. Lass uns schmausen, wir haben‘s uns verdient, die Großmutter wird‘s schon verstehen." Und weil er so freundlich dabei lächelte, verlor das Rotkäppchen seine Furcht, und sie ließen sich Wein und Kuchen schmecken und wurden satt und ein klein wenig beschwipst.

Darüber vergaßen sie die Zeit, und es wurde schon bald Abend. Da erschrak das Kind und sprach: „Ich muss mich eilen, denn die Nacht bricht bald herein. Großmutter wird sowieso mit mir schimpfen." „Lass mich mit dir gehen," sprach der Wolf. „Zu zweit läuft es sich leichter, und die Nacht musst du nicht fürchten, wenn ich bei dir bin." So wanderten sie los, und weil der Wolf so traurig wirkte, legte Rotköpfchen sanft ihren Arm um seinen Kopf. Der Wolf sprach: „Komm, lass mich den Korb in meinem Maul halten. Du aber sitz auf, ich will dich tragen, so sind wir schnell wie der Wind bei der Großmutter." Das Mädchen tat, wie ihm geheißen war. Der Wolf sauste los, das Rotköpfchen lachte fröhlich und hielt sich mit beiden Händen in seinem weichen Fell fest, und als gerade die Dämmerung hereinbrach, standen sie schon vor dem Häuschen der Großmutter. Der Wolf versteckte sich im nahen Gebüsch, und Rotköpfchen klopfte schüchtern an die Türe. Wie immer, bekam das Rotköpfchen Angst, als es die Großmutter in der Türe stehen sah, denn diese hatte einen riesigen Mund und Augen, die waren so groß und schwarz wie zwei Kohlen.

„Warum kommst du so spät, und wo sind Wein und Kuchen, du garstiges Kind?" wetterte die Alte sofort los. „Ach, Großmutter," sprach furchtsam das Kind, „mich hungerte und dürstete unterwegs, und dann kam noch ein einsamer Steppenwolf, und so teilten wir Kuchen und Wein und auch den langen Weg miteinander." In diesem Augenblick gewahrte die Alte die glühenden Augen des Wolfs im Gebüsch. Rasch holte sie einen dicken Knüppel aus der Stube und wollte das Tier auf der Stelle erschlagen. Doch der Wolf war schneller, und mit einem gewaltigen Happs fraß er die Großmutter auf.   „So," sprach der Wolf, „nun ist euer Erbe gesichert! Doch ich fühle mich etwas schwer im Magen, und der Abend naht. Komm, lass uns ein wenig ruhen." Rotköpfchen wurde wieder rot, aber nur ein wenig, und weil die Nacht hereinbrach, legte es sich ohne Furcht zum Wolf in das Bett der Großmutter, das so viel weicher war als die Strohsäcke, auf denen es tagein, tagaus in der Mühle hatte schlafen müssen.

Das Rotköpfchen kuschelte sich ins weiche Fell des Wolfs, und nach einer Weile fragte es neugierig: „Was bist du nur für ein seltsamer Wolf? Nie sah ich einen hier draußen in der Steppe, und einen so freundlichen schon gar nicht." „Ach," sprach müde das Tier, „ich bin nur ein einsamer Steppenwolf, der seine Heimat sucht." Das Rotköpfchen dauerte das Los des Wolfs, und um ihn zu trösten, öffnete es sein Mieder und ließ ihn an den Knospen ihrer Jungfräulichkeit kosten. Der Wolf trank von der unsichtbaren Milch der Leidenschaft, und das Mädchen spürte, wie ein sanftes Feuer in seine Augen trat, die im Dunkel der stillen Kate goldgrün leuchteten wie flüssiges Gold mit einem Hauch von Tang und Moos. „Wolf, sage mir: Wo ist denn deine Heimat?" fragte es weiter. „Meine Heimat ist der dunkle Wald, wo es nach Moos riecht und nach Geheimnis!" erklang wehmütig die Antwort. „Warum bist du aber nicht dort?" wollte das Mädchen wissen. „Weil meine Heimat auch das Meer ist, wo es nach Salz und Fernweh duftet. Bin ich im Wald, vermisse ich das Meer. Bin ich aber am Meer, sehnt es mich schmerzend nach dem Wald. Zusammen gibt es das nicht, und so floh ich beides, um die Qual zu enden. Nun streife ich durch die endlose Steppe, wo Hunger und Durst meine Gefährten sind, die mich ablenken vom unerfüllbaren Ziel meiner Träume." Dem Rotköpfchen griff die Geschichte des Steppenwolfs ans Herz. Leise, um ihn nicht zu schrecken, öffnete sie nun auch ihr Wams, schob sachte den Kopf des Wolfes ein wenig tiefer und ließ ihn das warme Dunkel ihres Geheimnisses spüren. Mit seiner langen Zunge, die feucht und auch ein wenig rau war, leckte der Wolf ganz zart die sich öffnende Blume der Unschuld. „Nach Moos duftet es hier, gerade so wie in meinen Träumen," flüsterte erstaunt das große Tier. „Doch winzig klein ist dieser Ort der Freude, und so will ich ihn denn Möschen nennen."

Und sanft erkundete des Wolfes Zunge mehr vom Geheimnis, schmeckte behutsam von der warmen Feuchte, die ihn willkommen hieß. „Oh, wie wird mir weh ums Herz! Köstliches Salz kitzelt nun meine Zunge. Ein fernes Land voll Glück und Wonne lässt dein Begrüßungstrunk mich ahnen. Er schmeckt nach Meer!" Ob der Wolf nun Mehr rief oder Meer, das war dem Rotköpfchen egal. Es wollte selbst mehr und spürte nur, dass es immer tiefer in den Wogen des Glücks versank und dabei doch gleichzeitig zu schweben schien, hinauf in den Himmel und immer höher, je tiefer der Wolf dem Geheimnis nachspürte. Ein Schauer der Wonne ergoss sich über das fliegende, tauchende, seufzende, in Wonne badende Mädchen, als er es endlich entdeckte und verwundert flüsterte: „Hier, im tiefsten Dunkel deines moosigen Mysteriums, wo Salz und Milch am köstlichsten schmecken und selbst das Meer nach süßem Nektar duftet, bist ja gar du selbst noch einmal zu finden! Ein kleines Rotköpfchen entdecke ich, so allerliebst, dass ich es kosen will und die Welt und allen Schmerz darüber vergessen!" Er begann, ganz sachte das kleine Lieb zu kosen, und Rotköpfchen ließ es geschehen und ward vor Freude fast verrückt, denn der Wolf küsste doch nur ein winziges Stückchen ihres Leibes, ihr aber war, als würde dieser Leib nun endlos und sei doch geküsst auf jedem Zoll, und noch am entlegensten Ende werde sein Feuer entfacht. Dann hörte sie noch, wie Engelein ihr etwas sangen, und für einen ganz kleinen Augenblick schwand die Welt um sie herum.

Als das Rotköpfchen aber endlich erschöpft und glücklich wiederkehrte von der Reise in den Himmel, auf die sie der Wolf geschickt hatte, weil sie ihn seine Heimat finden ließ, und als sie sanft sein Fell streicheln wollte, da spürte sie, dass das weiche Wolfsfell einer warmen Menschenhaut gewichen war, und sie sah, dass in ihrem Schoß kein Tier mehr lag, sondern ein Prinz, der schlief und lächelte dabei.   Das Rotköpfchen aber spürte verwundert, dass es gar nicht rot geworden war bei allem, und so dachte es bei sich, dann wird es auch nicht falsch gewesen sein. Als das Rotköpfchen den Prinzen nach seinem Los befragte, erfuhr es, dass die Großmutter ihn einst verwunschen hatte aus Neid und enttäuschter Liebe, als sie selbst noch jung gewesen war. Erst die Liebe ihrer Enkelin konnte ihn wieder erlösen. So ward denn alles gut. Das Erbe der Großmutter machte Rotköpfchens Eltern wieder froh. Noch froher aber war das Kind selbst. Die Eltern bemerkten das mit Freude und gönnten ihrem Kind sein Glück. Doch was dessen Ursache war, errieten sie nicht.

Das Rotköpfchen ging nun, so oft es konnte, hinaus zum Prinz, der einmal ein Wolf gewesen war. Der Prinz war klug und führte sie nicht heim in sein Schloss, wo doch nur Reichtum und Überdruß bald alle ihre Tage vergällen würden. Er erfreute sich viel lieber an der Lust, immer und immer wieder sein wirklichen Zuhause zu suchen, dort, wo das Salz des Meeres und der Duft des Mooses einander trafen, wo der Nektar floss und die Seufzer geboren wurden und wo das kleine, sanftmütige, empfindsame Rotköpfchen wohnte, das gar nicht oft genug gekost und geküsst werden konnte. Doch was sie sonst noch alles taten, das wird nicht verraten, denn hier ist das Märchen aus, und was du weiter träumst, bleibt auf immer dein Geheimnis...

 

15. Juli 2000    copyright © 2000 by claude freymann

 

 

Aufopferung

von Marc Kuhn


Nur die grenzenlose Offenheit, die jedem Schläfer zu eigen ist, ließ Schattenläufer das, was ihm widerfuhr, annehmen. Hoch über dem Wald, den er in all seinen Eigenarten kannte, wie kaum ein anderer, schwebte er und erfuhr ihn auf eine Weise, die ihm doch völlig neu war. Getragen von den warmen Winden, die ihm wie der Atem einer Wesenheit erschienen, die ihr Dasein nur durch das sanfte Wogen der Baumwipfel enthüllte.
Das Licht das ihn umflutete, schien wie ein Geschenk auf das satte Grün, das sich unter ihm ausbreitete und ließ die Schatten tanzen, die von den Ästen der alten Bäume auf den Boden geworfen wurden. Einzelne Strahlen brachen sich in kleinen Wasserläufen und zerbarsten in ungezählten Farben. Kaum konnte das Auge dieses natürliche, und dadurch in seiner Einzigartigkeit um so schönere Lichtspiel in seiner Gesamtheit aufnehmen. Immer wieder folgte sein Blick den teils flinken, teils behäbigen Bewegungen, die die Bewohner des Waldes ihrer eigenen Natur gemäß, voran trugen.
All dies vermischte sich zu einem, Schattenläufers Aufmerksamkeit fesselnden Ganzen. Dem Träumer schien es, als ob er nur hinab tauchen müßte, um Eins zu werden mit diesem Bild des Lebens, das sich ihm hier erschloß.
Doch eine leise Unruhe durchströmte ihn. Dies hier war wundervoll aber doch nichts, was sich ihm, einem Wesen, das die Welt im ständigen Kontakt mit dem Boden durchstreifte, offenbaren sollte.
"Es scheint als würde ich zuviel Zeit mit diesem Vogel verbringen", dachte der Wolf, der in seinen Träumen höher schwebte, als je ein Angehöriger seiner Art sich emporzuschwingen gewagt hatte.
Seine Unsicherheit hinter sich lassend stellte er sich dieser neuen Erfahrung. Schließlich waren es doch Momente wie dieser, die ihn sein Leben leben ließen, selbst wenn sie sich ihm nur im Schlaf erschlossen. Leben heißt lernen, war das nicht eine der wenigen Wahrheiten, die sich ihm immer wieder bestätigt hatten?
"So stellst du dir das also vor?" durchschnitt eine Gedankenstimme sein neugieriges Suchen nach Wissen. Verwirrung erfaßte den Wolf, für einen Moment schien ein Adler an seiner Seite zu schweben, der ihn mit einem amüsierten Glanz in den Augen musterte. Doch dann verlor sich dieses Bild in einem weißen Glitzern, als sein Geist dem Unbewußten entrissen und in das geführt wurde, was ihm als Wirklichkeit vertraut war. "Komm schon, oder soll ich dich in Zukunft Schlafwandler nennen?" Unwillig öffneten sich Schattenläufers Augen, nur um sich zum Schutz gegen das grelle Licht, das in sie drang, wieder zu schließen. Sein Körper, der in sich zusammengerollt in einer kleinen Schneehöhle lag, zog sich enger zusammen als er die Wärme des Schlafes wiederzuerlangen suchte. "Geh weg", knurrte er. "Du störst mich...bei einer wichtigen Sache." Als er seinen Kopf an seine Flanke legte, ließ er seinen buschigen Schwanz über seine Augen sinken, um den letzten Rest Licht auszumerzen, der noch durch seine Lider drang.
Ein kleiner Klumpen Schnee fiel ihm auf den Rücken. Er zuckte unwillig um diese weitere Störung loszubekommen. Doch immer mehr der weißen Kälte bedeckte sein Fell. Er warf sich herum und brüllte, als er sich bewußt wurde, was da geschah: "Hör sofort damit auf, auf meinem Unterschlupf herum zu hüpfen, Traumauge!". "Dann raffe dich endlich auf und komme heraus. Ich habe mit dir zu reden.", sandte ihm der Adler zurück. "Wer von Adlern träumt, muß wohl auch so etwas ertragen", dachte sich Schattenläufer, der nun doch neugierig auf das war, was sie ihm mitzuteilen hatte, als er damit begann, sich aus seiner Schlafhöhle zu graben.
Als seine Schnauze die Schneedecke durchbrach, fand er sich unvermittelt dem harten Blick Traumauges ausgesetzt. "Ein Wolf der fliegen will? Strebst du da nicht nach zuviel?" Verärgerung über diese Zurechtweisung vermischte sich mit seiner noch nicht vollständig überwundenen Müdigkeit. "Halt dich aus meinen Träumen heraus, Täubchen. Dort hast du nichts verloren."
Verletzt legte Traumauge ihren Kopf schief und ihr Blick wurde sanfter. "Ich bitte um Verzeihung...", ließ sich ihre Stimme vernehmen. Beschwichtigt wandte der Wolf sich ihr zu. Nur um den Rest ihrer Worte zu vernehmen: "...ich dachte, ich wäre dein Traum." Verdutzt sackte Schattenläufers Hinterteil in den Schnee. Er starrte sie an. Kurz erwiderte sie seinen Blick, um sich dann mit einem kraftvollen Flügelschlag in die Lüfte zu erheben. Feiner Schneestaub, der dabei aufgewirbelt wurde, bedeckte den immer noch verwundert dasitzenden Wolf.
Ein leises Knurren entrang sich seiner Kehle. Dies war eine seltsame Art, den Tag zu beginnen.
Seufzend erhob er sich. Ein kräftiges Schütteln befreite ihn vom Schnee. Gedankenverloren nahm er die verschieden Witterungen wahr, die sich seinen scharfen Sinnen anboten. Nichts schien sich in seiner Nähe zu befinden, das seiner Aufmerksamkeit bedurfte. "Ist ja auch kein Wunder, anständige Beute schläft um diese Zeit", dachte er bei sich. Diese Erkenntnis ließ ihn seinen Blick zur Quelle seiner eigenen Schlaflosigkeit erheben. Ihn ruhig musternd kreiste sie über ihm.
"Nun, werte Dame", nicht ganz unbeabsichtigt schlich sich ein ironischer Unterton in sein Senden, "was verschafft mir die Ehre eures frühen Besuches?" Die Antwort ließ auf sich warten. Lange zog sie ihre Bahnen, bevor ihre zögernde Antwort kam: "Ich brauche deine Hilfe, mein Freund." Schattenläufer war verwirrt. Sie waren Jagdgefährten, ja Freunde, warum hielt sie es für nötig ihn auf diese Art um Hilfe zu ersuchen. "Wir jagen schon zu lange zusammen, als daß du an meiner Bereitschaft dir beizustehen zweifeln dürftest. Warum zögerst du also, meine Hilfe einzufordern?" fragte er sie aus diesen Gründen. Ein weiterer Kreis wurde von Traumauge vollendet, bevor sie ihm antwortete: "Diesmal ist es anders. Ich bin mir nicht sicher, ob du mir beistehen kannst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir in einer solchen Lage beistehen könnte." Der Wolf zwang sich, ihr Zuversicht zu vermitteln: "Was ist es, das dich bedrückt? Laß mich entscheiden, ob du zu viel verlangst."

In einem sanften Bogen glitt der Adler herab und ließ sich auf einem Ast nieder, der es ihr ermöglichte, den Wolf anzublicken während sie ansetzte zu erklären. Schattenläufer nahm mit wachsendem Erstaunen wahr, wie angespannt seine sonst so kühl und überlegt wirkende Jagdgefährtin war. "Wir beide sind das beste Beispiel dafür, daß unsere Arten in Frieden miteinander leben können. Unser Reich ist der Himmel, das der euren der Boden. Nie gab es ernsthaften Streit zwischen uns. Doch das hat sich jetzt geändert.", begann sie. Der Wolf lauschte aufmerksam, wenn auch verwundert. "Dieser Winter ist härter als alle vorangegangenen. Du und ich haben das selber schon zu spüren bekommen. Unsere Jagden waren nicht sehr erfolgreich in den letzten Wochen. Es scheint, als hätten nicht nur wir mit diesem Problem zu kämpfen." Ihre Weitschweifigkeit machte den Wolf mißtrauisch. Sie war sonst kein Freund vieler Worte. "Worauf willst du hinaus?" Sie zögerte einen Moment bevor sie gequält antwortete: "Einer meiner Freunde starb. Gerissen von einem Wolf der ihn überraschte, als er seine eigene Beute schlug."
Fassungslos starrte der Wolf sie an: "Was erzählst du da? Das kann nicht sein." Wütend fuhr sie ihn an: "Glaub es mir ruhig. Ein Wolf hat einen Adler getötet. Der alte Frieden ist zerstört. Eine Bestie deines Volkes hat ein Mitglied meiner Art dahin gemetzelt. Einen Freund." Schweigend saßen die beiden sich gegenüber. "Was ist es also, das du von mir erwartest?" fragte letztendlich sanft der Wolf.
"Hilf mir Rache zu üben. Hilf mir ihn zu stellen", zischte sie.

Leise knurrte er: "Und dann? Soll ich ihn töten? Einen Rudelgefährten?" "Ich wußte, ich verlange zu viel von dir", sie breitete ihre Schwingen aus. "Leb wohl." "Warte, Traumauge", hielt der Wolf sie mit Worten. "Wenn es stimmt, was du mir gesagt hast, und auch in Anbetracht unserer...", hier zögerte er kurz, "...Freundschaft, muß ich dieser Sache auf den Grund gehen." "Du hilfst mir bei meiner Rache?" fragte sie erneut, sein Zögern war ihr nicht entgangen. "Ich werde dir helfen ihn zu stellen. Dann werde ich entscheiden was zu tun ist", erwiderte er. Sie erhob sich und gewann an Höhe. "Das ist ein Anfang", sandte sie ihm hinab. "Danke." Kräftige Schläge ihrer Schwingen trugen sie voran: "Ich führe uns dorthin wo er zuletzt gesichtet wurde."
Schweigend verfiel der Wolf in einen Trott, der ihn Stunde um Stunde voran tragen würde, ohne ihn wirklich zu ermüden. Immer wieder hob er seinen Blick, um dem Adler zu folgen, der ihn so unvermittelt aus seinem ruhigen Dasein gerissen hatte. Aber war es nicht das, was ihn von Anfang an so sehr an ihr fasziniert hatte, dachte er, die Möglichkeit, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen? Nun, jetzt hatte er etwas, über das er nachdenken konnte. War es tatsächlich möglich, daß ein Wesen seiner Art ein solches Verbrechen begangen hatte? Er wollte es nicht glauben.

Lange lief er so durch den winterlichen Wald. Obwohl seine Gedanken sich noch immer mit dem Unglaublichen beschäftigten, das er erfahren hatte, nahm er in seiner natürlichen Wachsamkeit alles wahr, was um ihn herum vorging. Doch dies war sehr wenig. Kaum ein Zeichen von tierischem Leben enthüllte sich seinen scharfen Sinnen. Der harte Winter forderte seinen Tribut.
Bis zu diesem Augenblick war ihm das nicht in dieser Klarheit bewußt gewesen. Seine gemeinsame Jagd mit Traumauge hatte ihn noch nie hungern lassen, selbst unter diesen Umständen nicht. Was, wenn er diesen Vorteil nicht gehabt hätte? Was, wenn er auf sich alleine gestellt gewesen wäre?
Es war nicht unwahrscheinlich, daß auch er dann mit sehr viel weniger hätte auskommen müssen.
Seine Pfoten brachen in monotoner Gleichmäßigkeit durch den Schnee, als er sich mit Unbehagen eingestehen mußte, daß er nicht sagen konnte, zu was ihn das hätte treiben können. Er war ein Jäger. Sein Wesen verlangte danach, in dieser Welt zu überleben. Wie weit würde er gehen, um dieses Überleben zu sichern?
Erneut wanderte sein Blick zu ihr empor. Diesem Wesen, das ihm inzwischen so vertraut, das aber nicht von seiner Art war. Ihre Blicke trafen sich. Einen Moment suchte Schattenläufer in ihren Augen nach Verständnis für seinen Widerstreit. Doch er fand nichts, wollte vielleicht nichts finden. Dieses Problem war das seine und es oblag ihm es zu lösen. Er wandte sich ab und konzentrierte sich wieder auf den vor ihm liegenden Boden. Eine kurze Weile noch musterte ihn Traumauge. Letztendlich schweifte ihr Blick aber auch wieder dem Weg zu, dem sie unbeirrt folgte. Traurigkeit erfüllte sie, daß dies zwischen sie getreten war. Sie verstand seinen inneren Schmerz.
Der Wolf konnte nicht sagen, wieviel Zeit verstrichen war, als ihn das Senden des Adlers aus seinen düsteren Gedankengängen riß: "Wir sind angekommen. Von diesem Ort wurde mir berichtet, daß man den Mörder hier zuletzt gesehen hat." Unwillen mischte sich in die Antwort Schattenläufers: "Dann laß uns mit unsere Suche nach diesem Mörder beginnen." Traumauge überhörte den schneidenden Klang, der in seiner Stimme lag. "Ich halte Ausschau, such du am Boden.", dirigierte sie ihn.
Mit einem Schnauben öffnete er seine Sinne. Eine unberührte Schneedecke lag vor ihm. Ungezeichnet in ihrer frisch gefallenen Pracht. Keine Spur verriet das Vorhandensein anderen Lebens. Immer wieder glitt der Schatten des Adlers über ihn hinweg als er hinaus lauschte, auf der Suche nach dem Wesen seiner Art. Nichts. Und doch, eine feine, von der Klarheit der Winterluft fast vollständig ausgelöschte Witterung erweckte seine Aufmerksamkeit. Behutsam nahm er sie in sich auf. Es konnte kein Zweifel bestehen. Sie stammte von einem Wolf. Nur sehr leise und zögerlich wandte er sich an den Adler: "Ich habe ihn. Folge mir."
Angespannt setzte er sich in Bewegung und ließ sich von seiner Nase in seinen Schritten leiten. Nur zu leicht konnte er der Witterung folgen. Er wünschte es wäre anders. Er kannte diesen Geruch, auch wenn die Jahre ihn verändert zu haben schienen. Seinem Namen gerecht werdend verschmolz er mit jeder sich bietenden Deckung. Unruhe beherrschte ihn nun vollständig, dies wurde zu sehr zu seiner Angelegenheit. Eine Weile schien die Witterung ihn geradlinig zum Ziel seiner Suche zu geleiten, doch dann vollführte sie einen plötzlichen Richtungswechsel. In diesem Moment faßte der Wolf einen Entschluß und verschmolz völlig mit dem ihn umgebenden dichten Unterholz. Im gleichen Moment schirmte er seine Gedanken nach außen ab. Unsichtbar huschte er durch den Wald.
"Schattenläufer, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen", kam kurz darauf der Ruf des Adlers. Der Wolf antwortete nicht. Unbeirrt setzte er seinen Weg fort. Unruhe mischte sich nun deutlich in die Gedanken Traumauges: "Verdammt. Wolf. Spiel hier keine Spielchen." Befriedigt erkannte der Wolf, daß ihre schwächer werdende Stimme noch immer der alten Richtung folgte. Das sollte ihm genügend Zeit geben.
Immer stärker und frischer drang die Witterung in seine Nase. Es konnte nicht mehr weit sein.
Seine Läufe trugen ihn einen leichten, dicht bewaldeten Hügel hinauf, als er deutlich das Geräusch brechenden Eises vernahm. Schlagartig verharrte er in seiner Bewegung und lauschte angestrengt. Das Klirren wiederholte sich und Schattenläufer schob sich behutsam vorwärts, um über die Kuppe des Hügels hinweg die Quelle dieser Töne erblicken zu können. Eine tiefe Mulde eröffnete sich ihm. Durchschnitten von einem kleinen Bachlauf und umgeben von alten Bäumen, die ihre Äste weit und dicht in den Himmel streckten. Alles schien im Mantel des Winters erstarrt zu sein. Lediglich an einer Stelle war der dicke Eispanzer des Wassers durchbrochen. Dort trank ein Wolf.
Kurz nur musterte ihn Schattenläufer. Er nahm die Kraft wahr, die sein Artgenosse ausstrahlte, aber auch seine abgehärmten Flanken. Dann erhob er sich und begann in die Mulde hinabzusteigen.
Leicht wandte sich der Kopf des anderen Wolfes in seine Richtung. "Schattenläufer", lies sich sein leises Murmeln in des Angesprochenen Kopf vernehmen. "Narbenpfote", erwiderte er den Gruß. Schweigend standen die beiden Wölfe sich gegenüber und musterten sich. "Es scheint, als würde dieser Winter dich nicht so sehr berühren.", meinte schließlich der Narbenpfote genannte: "Du bist wohlgenährt." "Dieses Glück scheinst du nicht zu teilen", antwortete ihm Schattenläufer und zögerte bevor er fortfuhr: "Das Jagdglück scheint dir nicht sehr hold zu sein." "Ich komme durch, ich bin Wolf", schnappte Narbenpfote. "Indem du Adler tötest?" fragte ihn ein aufgebrachter Schattenläufer.
Ein leises Knurren mischte sich in die Antwort des mageren Wolfes: "Ich töte Beute. Ich töte Futter. Ich lebe."
Schmerz rollte durch Schattenläufer als ihm das, was er nicht hatte glauben wollen, auf diese Art bestätigt wurde. "So ist es also wirklich geschehen. Du hast den alten Frieden gebrochen." Wut glitzerte in seinen Augen. "Ist dir klar, was du damit angerichtet hast?" fragte er scharf und zwang sich dann, seine unwillkürlich entblößten Fänge wieder zu verbergen. "Ich habe einen weiteren Tag überlebt. Ich bin ein Jäger. Was schert mich das Morgen?" Mit diesen Worten versenkte Narbenpfote seine Schnauze im eisigen Wasser und trank. Ungläubig starrte Schattenläufer ihn an. "Wir hatten den gleichen Lehrer. Erinnerst du dich nicht mehr an seine Worte? "Es gibt keine Rettung – wir haben für die Gewalttätigkeiten unserer Vorfahren zu bezahlen. Wir können nur ihre Fehler vermeiden.""
Schroff ruckte der Kopf des trinkenden Wolfes nach oben. Wassertropfen flogen in weiten Bögen durch die Luft, bevor sie tiefe Spuren in den Schnee rissen. "Verschone mich mit dem Gewäsch dieses Schwätzers. Er ist tot. Es scheint mir jedoch, als ob er dich mit seinen Träumereien angesteckt hätte." "Sprich nicht gegen seine Träume, du, der du anscheinend so erpicht darauf bist Alpträume zu erschaffen", flüsterte Schattenläufer. Wachsam musterten sich die beiden Wölfe. Keiner wußte, was er sagen sollte, keiner wollte noch etwas sagen. Ein heiserer Schrei löste die gespannte Stille. Ein Schatten zog über sie hinweg.
Mit all der tödlichen Eleganz, die ihrer Art zu eigen ist, schoß Traumauge herab. Ihre Krallen senkten sich tief in die Flanke Narbenpfotes, der mehr erbost als vor Schmerz aufheulte. Heftig warf er sich zur Seite, um den Adler abzuschütteln. Nur knapp konnte sich Traumauge von ihm lösen, um zu verhindern, unter ihm begraben zu werden. Mühsam erhob sie sich wieder in die Lüfte.
Frischer Schneefall begann den Ort der Auseinandersetzung zu bedecken, und legte sich auch auf die wild schlagenden Flügel des Adlers und behinderten ihre sonst so mühelos erscheinenden Bewegungen.
Sie flog einen leichten Bogen. Mit gefletschten Zähnen folgte der abgehärmte Wolf ihrer Bahn und war bereit für ihren nächsten Zug. Er mußte nicht lange warten. Wieder stürzte sie sich auf ihn. Doch diesmal erreichten ihre Klauen nicht ihr Ziel. Ein heftiger Flügelschlag rettete sie nur knapp vor einem wilden Zusammenschlagen seiner Kiefer. Wieder und immer wieder vollzog sich dieses grausame Spiel. All dies beobachtete Schattenläufer. Der Schnee umwirbelte ihn, als er äußerlich teilnahmslos aber im Inneren brennend diesem Kampf folgte. Er wußte nicht, was er tun sollte. All dies erschien ihm so falsch und widersprach allem, was er je gelernt hatte.
Ein weiteres Mal schrie Traumauge ihre Wut hinaus und stürzte sich auf den Mörder ihrer Art hinab. Ihre Klauen waren auf seinen Nacken gerichtet und senkten sich mit der Schnelligkeit ihres Zorns ihrem Ziel entgegen. Doch sie bekam nur sein aufgerichtetes Fell zu packen. Heißer Schmerz durchfuhr sie als er sich herum warf und seine Zähne tief in ihren rechten Flügel grub. Schwer stürzte sie zu Boden. Verzweifelt mühte sie sich hochzukommen, doch ihr Flügel versagte ihr seine Dienste. Schutzlos lag sie da, all ihrer Vorteile beraubt.
Sie sah Narbenpfote langsam auf sich zukommen. Sein Atem drang zwischen seinen entblößten Fängen hervor und sie sah den Haß in seinen Augen. Kalt starrte sie ihn an. Sie würde keine Schwäche zeigen. Ein grauer Schemen rammte dem auf sie zukommenden Tod in die Seite und warf ihn um. Ineinander verkeilt rutschten die beiden Wölfe den Hang hinab und kamen auf dem Eis des Baches zum Liegen. Beide kämpften darum, zuerst wieder zum Stehen zu kommen und hinderten sich gegenseitig daran. Ihre Zähne gruben sich in das Fell des anderen, als sie um einen Vorteil rangen.
Schattenläufer versuchte Abstand zu gewinnen. Es wurde ihm bewußt, daß sein Gegner mehr Erfahrung in dieser Art der Auseinandersetzung hatte als er. Da rutschte sein Hinterlauf auf dem zugefrorenen Bachbett ab und er stürzte. Ohne jedes Zögern nutzte Narbenpfote diese Schwäche und senkte seine Fänge in die Schulter seines Opfers. Ein schmerzerfülltes Heulen entfuhr Schattenläufer, das sich noch verstärkte als sein Widersacher begann, die Wunde weiter aufzureißen.
Verzweifelt beobachtete Traumauge den Kampf und sah wie ihr Freund - wie hatte sie nur daran zweifeln können, schalt sie sich - begann zu unterliegen. Tapfer begann sich Schattenläufer, gegen seinen Gegner zu stemmen, aber es war deutlich, daß er den Schmerz und den Blutverlust nicht mehr lange ertragen konnte. Zu sehr waren die Fänge des Mörders in ihm verkeilt. Er konnte nicht hoffen, sie mit seiner verbliebenen Kraft zu öffnen. Es schien aussichtslos. Und doch konnte er nicht aufgeben und warf sich mit seiner letzten Kraft gegen den Gegner, dem er nicht entkommen konnte und schob ihn dadurch ein wenig auf dem gefrorenen Wasser nach hinten.
Ein lautes Knirschen ertönte, als das Eis unter Narbenpfote nachgab und er mit seinem Hinterläufen im eisigen Bach versank. Die Kälte, die ihn durchzuckte, ließ ihn unwillkürlich nach Luft schnappen und seine Zähne lösten sich aus dem gepeinigten Fleisch Schattenläufers. Wild um sein Gleichgewicht kämpfend sackte er nach hinten weg und ließ dabei seine Verteidigung weit offen.
Mit einem tiefen, verzweifelt klingenden Knurren, unter Aufbieten seiner letzten Kräfte, setzte Schattenläufer ihm nach und zerriß mit einem schnellen Angriff seine Kehle.
Unglauben spiegelte sich in Narbenpfotes Augen, als sein vom Schock gelähmter Körper in sich zusammensackte. Dann brach sein Blick. Schattenläufer wandte sich in tiefer Scham über das, was er hatte tun müssen, von seinem ehemaligen Jugendgefährten ab. Sein Blick fiel auf Traumauge, die zusammengekrümmt nur wenige Meter von ihm entfernt im Schnee lag. Er humpelte zu ihr hinüber.
Schweigend betrachteten die beiden einander eine Zeitlang. Schließlich beugte sich Schattenläufer herab und ermöglichte es dem Adler sich mühsam auf seinen Rücken zu ziehen. Ohne sich noch einmal umzusehen verließ er mit ihr diesen Ort, an dem er viel über das gelernt hatte, zu dem er fähig war. Er wünschte, er hätte es nie erfahren.
Nur beschwerlich kamen sie voran. Beide geschwächt durch ihre Wunden. Lange Zeit sprach keiner ein Wort von ihnen bis Traumauge unvermittelt das Schweigen brach: "Du wärest für mich gestorben." Der Wolf schien nicht antworten zu wollen, als er weiter durch den tiefen Schnee humpelte. Doch dann vernahm sie leise seine Antwort: "Ich habe mich entschieden für dich zu leben."