Der Ursprung von FENRIS

 

Nicht allzuviel wurde überliefert, vieles ist verbrannt und ausgemerzt, vieles absichtlich vergessen und vernichtet, wenig ist heute noch wahr...

 

Mit der Riesin Angrboda ist Loki Vater des Fenriswolfs, der Midgardschlange Jörmundgand und der Hel, der Göttin des Totenreichs. Und mit dem Hengst Swadilfari wurde er Mutter (!) des Pferdes Sleipnir.

Der Fenriswolf ist ein regelrechtes Ueberwesen von einem Wolf. Er wuchs in Asgard auf, wurde aber sehr bald riesengroß und wild, so daß nur der Gott Tyr es wagte, ihm Futter zu geben. Nachdem der Fenriswolf bereits zwei Fesseln (Lcsdingr und Drömi) zerrissen hatte, gelang es den Asen, die Zwerge zu beauftragen, gleichsam in Maßarbeit eine besondere Fessel (Gleipnir) herzustellen, wobei sechs Bestandteile Verwendung finden sollten: der Schall des Katzentritts, der Bart der Frauen, die Wurzeln der Berge, die Sehnen der Bären, der Atem der Fische und der Speichel der Vögel (deshalb haben die Katzentritte keinen Schall mehr, die Frauen keinen Bart usw.). Und mit List gelang es ihnen, den Wolf so fest zu fesseln, daß er sich kaum rühren konnte, als Fenris dies bemerkte, biß er Tyr, der ihm seine Hand in den Rachen legen mußte, die Hand ab! Es wurde ihm daraufhin ein Schwert in den Rachen geklemmt, so daß er nur bewegungslos dasteht mit weit geöffnetem Rachen, ohne jetzt weiter zubeißen zu können.  Fenris liegt auf der Insel Lyngvi im Flusse Amsvartnir, aus seinem Rachen strömt der Geiferfluß. Erst am Weltenende wird er sich endlich losreißen...  Am letzten Tag wird Odin Asen und tote Helden in den letzten großen Kampf gegen Riesen und Mächte der Finsternis führen. Er selbst wird gegen den Fenriswolf kämpfen ­ und die Bestie wird ihn verschlingen. So die Weissagung.

Gegen Ende der Zeit werden Mangel und Unfrieden herrschen. Diese Zeit nennt sich Ragnarök oder "Weltuntergang" - das heißt, "die Zeit, in der sich alle Mächte auflösen". Brüder fallen einander in den Rücken, und der Sohn verschont seinen eigenen Vater nicht. Danach werden drei Jahre kommen, die nur ein einziger langer Winter sind, genannt Fimbul. Gebirge stürzen ein, und alle Fesseln werden reißen. Anschließend werden Himmel - Wölfe Sonne und Mond verschlingen. Dabei wird auch der Fenriswolf endlich loskommen. Er wird mit weit aufgesperrtem Rachen durch die ganze Welt laufen. Dabei berührt sein Unterkiefer die Erde, sein Oberkiefer den Himmel. In seinen Augen brennt Feuer, und aus seinen Nasenlöchern züngeln Flammen. Auch Loki wird freikommen. Er wird ein unheimliches Schiff auftakeln ­ Naglfar, das Schiff, das aus den ungeschnittenen Nägeln toter Menschen gebaut ist. Mit zerfetzten Segeln und einer Besatzung aus verwesten Leichen wird Loki mit diesem Schiff das Totenreich seiner Tochter verlassen... Und die Midgardschlange wird sich aufs Land wälzen. Sie wird sich über Felder und Wiesen vorwärts schlängeln. Im Süden birst der Himmel. Und aus dem Land dahinter ­ dem unbekannten und bedrohlichen Muspellsheim, dem Feuerland, das lange bevor Odin und seine Brüder die Welt erschufen existierte ­ kommt ein gewaltiges Heer von glänzenden Reitern. Sie tragen Flammenschwerter in ihren Händen. Überall da, wo sie heran stürmen, wird alles in Brand gesetzt. Und die große Regenbogenbrücke stürzt ein unter ihrem Gewicht... An der Stelle, die Wigrid - Wall heißt (hundert Meilen breit und hundert Meilen lang) wird die letzte entscheidende und blutige Schlacht stattfinden. Odin wird vom Fenriswolf verschlungen. Der Kampf zwischen Fenris und Odin ist das entscheidende Moment der Götterschlacht. Thor und die Midgardschlange bringen einander um. Heimdall und Loki ebenso. Die ganze Welt brennt. Selbst Yggdrasil ­ der große Weltenbaum ­ steht in Flammen. Wenn der Feuersturm sich ausgetobt hat, ist die ganze Welt eine qualmende Brandstätte. Die verbrannten Reste versinken im Meer und verschwinden.

"Eine neue Sonne taucht aus den Fluten empor, kein Wolf bedroht mehr die Schöpfung, denn Wider, Odins schweigsamer Sohn, hat mit einem Fußtritt den Fenriswolf getötet und den Vater gerächt. Auch Baldur kehrt wieder. Ein neuer Himmel wölbt sich und neues Leben sprießt auf Midgard. Zwei Menschenkinder, Lif und Lifthrasir, Leben und Lebenskraft erwachen aus dem todähnlichen Schlummer. Von ihnen stammt das neue Geschlecht der Sterblichen."

 

Besonders der Wolf wird als dämonisches Wesen der Wildnis gefürchtet. Er ist das Leichentier und gehört deshalb zum unheimlichen Gefolge des Kriegsgottes Odin. Er lauert dem einsamen Wanderer im Walde auf und zerreißt ihn; weh dem Reisenden, dem er sich auf dem Wege gesellt. Ja, der aus der menschlichen Gesellschaft Verbannte wird selbst zum Wolf. So wird der Wolf auch zum Inbegriff der gottfeindlichen Mächte. Der Wolf Skoll läuft hinter der Sonne her, Hati aber geht ihr voraus; so lautet der nordische Volksglaube. Mit Hinsicht auf nordische Namen für die Nebensonnen (wie schw. solvarg, norw. solulv, isl. ulfakreppu) darf man wohl annehmen, daß Skoll und Hati dasselbe Phänomen bezeichnen, aber es ist auch selbstverständlich, daß das Bild der zerreißenden Tiere, welche die Sonne verfolgen, besonders durch die Sonnenfinsternisse veranlaßt worden ist.

 

Übernatürliche Wesen, die einen Wolfspelz oder gar eine Wolfsgestalt zum Merkmal haben, gehören wohl zu den männerbündischen Kulten und dürfen sodann auch, wenngleich auf einem gehörigen Abstand, auf eine Linie mit Odin gestellt werden.

 

"Da fragte Gangleri (Odin): Von welcher Herkunft sind diese Wölfe?

Har antwortete: Ein Riesenweib wohnt östlich von Midgard in dem Walde, der Jarnwidr heißt. In diesem Walde wohnen die Zauberweiber, die man Jarnwidiur nennt. Jenes alte Riesenweib gebiert viele Riesenkinder, alle in Wolfsgestalt, und von ihr stammen die Wölfe. Es wird gesagt, der mächtigste dieses Geschlechts werde der werden, welcher Managarm heißt. Dieser wird mit dem Fleisch aller Menschen, die da sterben gesättigt; er verschlingt den Mond und überspritzt den Himmel und die Luft mit seinem Blut; davon verfinstert sich der Sonne Schein, und die Winde brausen und sausen hin und her. So heißt es in der Völuspa:

 

Eine Alte östlich im Erzwald saß;
die Brut Fenrirs gebar sie dort.
Von ihnen allen wird einer dann
des Tageslichts Töter, trollgestaltet.

Er füllt sich mit Fleisch gefallener Männer,
rötet mit Blut der Rater Sitz.
Schwarz wird die Sonne die Sommer drauf;
Wetter wüten - wißt ihr noch mehr?

 

 

Vafthrudnismàl
Das Wafthrudnirlied

 

Odin:
Viel fuhr ich,
viel erforschte ich,
viel befragt ich Erfahrene:
wie kommt eine Sonne
an den klaren Himmel,
wenn diese Fenrir erfaßt?

Wafthrudnir:
Eine Tochter
hat die Tagesleuchte,
eh sie Fenrir erfaßt;
reiten soll sie,
wenn die Rater sterben,
der Mutter Bahn, die Maid.

 

 

Grìmnismàl
Das Grimnirlied

 

Fünfhundert Tore
und vierzig dazu
kenn ich in Walhall wohl;
achthundert Einherjer
gehn auf einmal aus jedem,
wenn's mit Fenrir zu fechten gilt.

 

Trug heisst der Wolf,
der bis zu des Waldes Schutz
die funkelnde verfolgt;
der andre, Hasser,
der Erbe Fenrirs,
läuft vor der heitern Himmelsbraut

 

 

Ägisdrecka

Ägirs Trinkgelag

 

Loki:
Schweig du, Tyr! Du taugst zum Kampfe nicht
Zu gleicher Zeit mit zweien.
Deine rechte Hand ist dir geraubt,
Fenris fraß sie, der Wolf.

Tyr:
Der Hand muß ich darben; so darbst du Fenris.
Eins ist schlimm wie das andre;
Auch der Wolf ist freudenlos: gefesselt erwartet er
Der Asen Untergang.

 

Loki:
Schweig du, Tyr! Deinem Weibe geschah's,
Daß sie von mir ein Kind bekam.
Nicht Pfenningsbuße empfingst du für die Schmach:
Habe dir das, du Hahnrei!

Freyr:
Gefesselt liegt Fenris vor des Flusses Ursprung
Bis die Götter vergehen.
So soll auch dir geschehn, wenn du nicht schweigen wirst
Endlich, Unheilschmied.