Die Geschichte einer Verwandlung...  

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Kapitel 1

Von fernem dröhnte mir noch die Musik in meinen Ohren – es war wohl eine Art hawaiianischer Rhythmus  mit stampfenden Trommeln unterlegt...

 Meine Augen waren fest verschlossen und mein Körper spannte sich bis zur letzten Sehne, in mir brannte es und ich glaubte zu zerspringen. Mein Blut kochte förmlich und ich glaubte mein Kopf durchbricht eine massive Steinmauer... plötzlich Stille ...

 Ich öffnete langsam und bedächtig meine Augen...

 Ganz allein stand ich auf einem Bergkamm – es war nicht kalt – die Luft war klar und mein Blick schweifte weit in der Landschaft umher. Anscheinend war ich allein, denn ich sah niemanden, noch nicht mal ein Tier schien in meiner Nähe zu sein. Doch irgend etwas war anders geworden... ich war verändert ...

 Ich sog die frische Luft durch meine Nase und öffnete meinen Mund. Die gewaltige Aggression, welche ich noch soeben gespürt hatte war vorbei, verflogen, wie ein böser Traum...

Doch war dies jetzt ein Traum? Ich stand aufrecht - spürte aber, daß dies nicht meine normale Haltung ist. Ich spürte meine Zähne und hielt inne, rasiermesserscharf waren sie, spitz und dolchartig, was war los?

Ich hatte keine Haut mehr, oder vielmehr ich hatte plötzlich ein Fell, doch keine Angst stieg in mir auf, vielmehr ein Gefühl der Freiheit - endlich frei! Ich war mir und meiner Umgebung bewußt und begann umherzulaufen. Der Bergkamm war lang und hoch und er schien in einer total menschenleeren Umgebung zu sein... Wo? Ich wußte es nicht und wollte es auch gar nicht wissen...

Ich lief schneller, schneller und schneller. Voller Kraft war ich und der Wind strich durch mein Fell, jetzt wußte ich, wie sich Wölfe in Freiheit fühlen. Doch gut war es das ich nicht auf Menschen traf, den mein Verstand wußte nur all zu gut was Menschen tun und was sie bereits alles getan haben. Ich wußte genau was ich machen würde, wenn ich sie träfe - ganz genau...

An einem Abhang stoppte ich, er fiel Hunderte von Metern steil ab und ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf und ging zum Rand - nur wenige Geschöpfe auf Erden erlangen Erhabenheit und ich stand kurz davor. Der Einklang mit der Umgebung war stark und mein Bewußtsein war klar, ich wußte, an diesen Ort bist Du nur zurückgekehrt. Eine lange Reise, eine Reise über die Jahre, über Jahrzehnte. Doch dies war nicht das Ende, es war der Anfang einer Wandlung - endlich war ich da, ich war schon immer da, ich wußte es nur nicht...

Langsam senkte sich die Sonne und ein voller Mond begann schemenhaft am Horizont sichtbar zu werden - wenn der Mond sich rundet ist es soweit. Eine lange Zeit sah ich der Sonne nach wie sie versank und das Licht des Mondes wurde immer stärker. Ungehindert schien es mein Fell zu durchdringen und ich spürte wie jede meiner Zellen begierig das Mondlicht aufnahmen.

Doch es reichte nicht, etwas fehlte. Die Botschaft war eine andere und langsam erkannte ich ihren Sinn...

 

Kapitel 2

Ich schrak zusammen - da war etwas in der Ferne zu hören... wieder eine Musik und ich begann darauf zu zulaufen. Irgend etwas in mir sagte, daß dort sich eine weitere Antwort auf meine Fragen befindet. Ich kam der Musik näher und näher und konnte mittlerweile einordnen, daß es sich um eine ähnliche Musikart handelte, welche ich auch am Anfang bereits vernommen hatte.

Ich stand nun an einem Waldrand – der große Hang lag bereits weit hinter mir. Ich sog wieder und wieder die Luft ein und ein leichtes Beben lief durch meine Leftzen,  da waren irgendwo Menschen, ich roch sie förmlich - ich roch ihr Blut.

Ich steuerte geradewegs auf die Quelle der Musik zu und kam an den Rand einer Lichtung. Keine Menschen... aber da war doch etwas, etwas im Zentrum der Lichtung, ein Feuerstoß und zwei Gestalten bewegten sich dort. Es waren keine Menschen, ich näherte mich langsam dem Zentrum und nahm schemenhaft diese Gestalten war, zeitgleich bemerkte ich das sich die Musik weiter in meinem Kopf festzusetzen begann. Sie umschlang meine Gehirn wie Honig einen Löffel, zäh und klebrig, dennoch irgendwie faszinierend und mitreißend.

Jetzt war ich nahe genug dran an den beiden Gestalten und erkannte mich selbst? Unsinn, sie sahen so aus wie ich mich fühlte, gesehen hatte ich mich selbst noch nicht. Nur einen Unterschied gab es, der eine Werwolf hatte ein rotes Fell, der andere ein weißes Fell und ich besaß schwarzes Fell. Ich stutzte und versuchte zu begreifen was hier los war und da traf es mich wie ein Hammer. Ich geriet selbst in den Bann der Musik, ganz langsam begann ich mich zu drehen und wirbelte schließlich mit den beiden anderen um das Feuer herum. Woher kam nur diese verdammte Musik? Wer machte diese eigenartigen und doch schönen Klänge? Der Rhythmus verstärkte sich und ich begann mich schneller zu drehen bis langsam die Welt aussah wie eine große Schlierenkugel. Schemenhaft nahm ich meine beiden Leidensgenossen wahr und bemerkte das sich der Abstand zwischen uns verringerte, während wir um das Feuer wirbelten.

Jetzt endlich erschienen am Waldrand weitere Schemen. Es waren Menschen, ich hatte mich vom Geruch her nicht getäuscht. Sie hatten Instrumente dabei, Trommeln, Rasseln und Klanghölzer die sie ständig schlugen. Ich war mir nicht sicher, ob diese der Ursprung der Musik waren, aber es fügte sich alles harmonisch ein.

 Sie kamen näher und wir drei kamen uns auch immer näher, irgendwie beschlich mich ein eigenartiges Gefühl das hier etwas im Gange war. Ich war in jedem Fall nicht das Wesen, welches bestimmte wo es lang ging. Verdammt was ist denn nur los. Jetzt steigerte sich die Musik nochmals und ich hätte fast das Bewußtsein verloren, als ich sah, daß wir drei uns nur noch zwei Schritte voneinander rasend bewegten. Irgendwie glaubte ich die Menschen sahen uns nur noch an, während sie fast wie wir in halber Trance die Instrumente schlugen.

Mit einem Donnerschlag viel der große Holzstoß neben uns in sich zusammen und eine gewaltige Funkenwolke stob auf zum Himmel. Gleichzeitig berührten wir drei uns und ich dachte wir müßten durch die Berührung vollkommen aus dem Takt geraten und hinstürzen, doch es kam ganz anders – die Musik hörte nämlich ebenfalls auf.

Ein dem Bruchteil einer Sekunde nahm ich einen gewaltigen Blitz wahr, der irgendwie zwischen uns oder in uns war und ein eigenartiges Gefühl überkam mich, den die beiden anderen drangen in mich ein und verschmolzen mit mir. Ich taumelte... was war bloß los hier?  

 

Kapitel 3

Ich bekam mein Gleichgewicht zurück und stand mit geschlossenen Augen und noch ein wenig verkrampft an der Stelle wo ich noch soeben getanzt hatte. Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, du bist ja umringt von Menschen. Panik beschlich mich und irgend etwas aggressives wallte in meinem tiefsten Innern auf. Ich öffnete die Augen ...

Ich war bereit ein Blutbad zu begehen - alles zu zerfleischen und jedem Menschen den Hals durchzubeißen - mich in Ihrem Blute zu wälzen und die Schmach zu tilgen... Schließlich hatten Sie mich irgendwie dazu bekommen für Sie zu tanzen.

Ich öffnete wild entschlossen die Augen und hob drohend meine krallenbewehrten Pfoten...

Meine Pfoten? Es war dunkel, ich sah nichts und ein feiner Mieselregen viel auf mich herab - ich war tatsächlich allein... Niemand war um mich herum, wo waren nur diese Menschen? Langsam glitt mein Blick über den Platz auf dem ich hier stand. Es war ein keltischer Opferplatz, vielleicht eine Grabstätte... So sicher war ich mir nicht, dennoch war die Anordnung der Anlage keltisch, denn ich interessierte mich seit langem für die Vor- und Frühgeschichte unseres Landes.... Plötzlich bemerkte ich noch etwas anderes...

Ich war nackt - verdammt, wo waren meine Klamotten. Ich stand hier inmitten einer keltischen Anlage irgendwo in Deutschland und hatte keine Kleidung... Ich sah mich um und da es wohl mitten in der Nacht war, hatte ich Glück - keine Besucher...

Ich setzte mich auf einen großen Findling in meiner Nähe und begann zu überlegen - was war mit mir geschehen, was war los hier und wie war ich eigentlich in dieser absurde Situation gekommen? War ich denn nun eine Mensch, der träumte ein Werwolf zu sein oder ein Werwolf, der gerade träumt er sei ein Mensch...

Die sommerlichen Abendtemperaturen machten mir das Problem meiner Kleiderlosigkeit einigermaßen erträglich und ich begann nachzudenken aber die Mücken umsurrten mich bereits und gierten nach meinem Blut... Nach einiger Zeit klärte sich mein Verstand und ich erinnerte mich, das ich selbst hierher gekommen war... Wo war also meine Kleidung? Ich begann die Umgebung abzusuchen... Hinter einem Nachbarfindling fand ich einen Kleidungshaufen - das mußte dann wohl meiner sein. Ein feuchter Kreis war um die Kleidung die im Sand lag zu sehen. Ich erinnerte mich an ein Ritual... schüttelte aber den Kopf. Da die Kleidungsstücke mir paßten, waren sie wohl meine Eigenen.

Ich stand auf und bemerkte in meiner linken Gesäßtasche ein kleines Päckchen, halb aufgerissen. Darin lagen ein paar getrocknete Pilze - meine Erinnerung kehrte zurück, ich lächelte...

Meine Herren, also alles nur Einbildung... erleichtert atmete ich auf und beschritt den Weg zum Parkplatz. Meine Erinnerung an das Erlebte verblaßte allmählich. Als ich fast am Parkplatz angekommen war und in meinen Kübel einsteigen wollte, hörte ich plötzlich wieder diese eigenartige Musik... Ich schüttelte meinen Kopf und startete das Auto... Der Motor meldete sich augenblicklich und der Lärm machte jedes andere Geräusch unhörbar...

Als ich wegfuhr und im Rückspiegel zurückblickte, glaubte ich noch kurz ein Aufflackern eines Feuerstoßes zu sehen, aber das war wohl nur Einbildung - als ich da war, war dort nichts... nur ein paar Mücken.

Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen und dachte an eine baldige Rückkehr. Man, das war was - besser als jeder Discobesuch. Ich befühlte noch einmal kurz das Päckchen mit den getrockneten Pilzen und nahm mir vor beim nächsten Vollmond wieder hier zu sein. Dem Geheimnis war ich auf der Spur!

Ich war völlig locker und dachte bereits an ein kühles Bier, welches ich mir auf diesen Schrecken gleich in meiner Stammgaststätte genehmigen wollte. Als sich mir etwas auf meine Schultern legte, ein fauliger, warmer Atem kroch an meinem Genick entlang und ich zwang mich in den Rückspiegel zu sehen...

 

Kapitel 4

Ich hatte eine Scheißangst, mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich überlegte noch was ich heute nicht schon alles Sonderbares erlebt hatte... Nein, den Rückspiegel - da konnte ich nicht reinsehen, dann wäre meine Vermutung ja gleich Gewissheit geworden. Ich verdrehte ganz langsam meine Augen und schielte auf meine Schultern.

Als ich es sah, hatte ich sofort einen dicken Kloß im Hals. Den würgte ich erst einmal runter und schaute noch einmal auf meine rechte Schulter, dort lag eine Klauenhand mit echt scharfen Krallen, die dazu auch noch lang sowie spitz mit gelb-bräunlicher Farbe  waren. Na klar, stark behaart war die Klaue zudem, ein schwarzes Fell, ganz struppig und borstig. Die Klaue bewegte sich leicht und Ihr Gewicht machte mir klar das Sie zu etwas noch viel Größerem und Schwererem hinter mir gehörte.

Da viel mir auf, daß die letzten 1-2 Minuten nichts passiert war, bis auf das ich jetzt eine tierische Angst hatte. Was will es denn von mir dachte ich und sprach dies auch sogleich aus: "Hey Du - Zeit genug zu töten hast du gehabt - was willst Du also von mir?"

Die Antwort kam blitzschnell, die Krallen bohrten sich in meine Schulter und ein wahnsinniger Schmerz durchzuckte meinen Körper. Blut begann aus den Wunden zu laufen und der warme Strom meines Lebenssaftes lief mir in mein Hemd und über meinen Oberkörper. Ich versuchte mich loszureissen, das leise Knurren war nun zu einem Kreischen geworden und ich merkte das ich nicht den Hauch einer Chance hatte diese Krallen in meiner Schulter loszuwerden.  Da - ein Biß in meinen Hals - was für ein riesiger Kopf tauchte da an meiner Seite auf. Ich dachte, das war`s also und gleich verlierst du die Besinnung und landest als Vorspeise im Magen dieser Kreatur. Langsam wurde mir schwummerig und ich merkte diese Schmerzen gar nicht mehr. Da ließ die Kreatur von mir ab und mit letzter Kraft stieß ich die Fahrertür auf und viel hinaus.

Ich rollte auf den Boden und kam ein, zwei Meter neben dem Auto zum liegen. Etwas Blut war mir in die Augen gelaufen und im leichten und damit rötlichen Mondlicht sah ich Es aus dem Auto steigen. Mir wurde schlecht - ein drei Meter großer Werwolf richtete sich zu seiner vollen Größe auf und brüllte in die Nacht. Er ließ sich ohne Vorwarnung vorne über fallen und wieder bohrten sich seine Krallen in meine bereits arg lädierten Schultern. Jetzt war sein Gesicht genau über meinem und sein fauliger Atem nahm mir fast die Besinnung. Kurz dachte ich an einen kleinen Scherz und setzte ihn in die Tat um, sollte ich doch mit einem Witz auf seine Kosten aus der Welt scheiden. Leise röchelte ich: "Hey Werwolf, nimm ein Atemgold aus meiner Hosentasche, Dein Atem riecht ja entsetzlich."

 

 

Kapitel 5

Dies war vorerst das letzte was ich sagte, denn mir wurde schwarz vor Augen. Allerdings nahm ich noch kurzzeitig einen großen Schatten hinter dem Werwolf wahr, doch dies schien mir in meiner Lage eher als Belanglos, schließlich konzentrierte ich mich gerade darauf den Löffel abzugeben.

Als ich erwachte, war ich mit erst nicht sicher, ob ich noch am Leben war oder dies der übelste Alptraum meines Lebens war? Oder - war ich etwa Tod und wußte es nur nicht?

Nichts desto trotz machte ich die Augen auf und sah, daß ich mich in einem Bett in einem fremden Raum befand. Ich war stark bandagiert um meinen Oberkörper herum und irgendwie hatte ich ein Gefühl, als ob ich hinter einen ausschlagenden Pferd gestanden hätte. Nun  ja, ich war am Leben, also war es wohl alles nicht so schlimm, oder? Der Raum war allerdings kein Krankenzimmer, er sah eher nach einer privaten Bude aus und außer den Bandagen hatte ich anscheinend auch weiter nichts an. Wo war ich eigentlich und welcher Tag war eigentlich, man hatte ja doch gehört, daß viele Ohnmächtige Tage in Delirium lagen bis sie wieder erwachten.

Plötzlich vernahm ich eine männliche Stimme im Nebenzimmer, welche sich lautstark mit jemandem unterhielt, da ich die andere Person nicht hören konnte, schloß ich auf eine Unterhaltung per Telefon oder Handy. Ich konnte nicht viel von dem Telefonat verstehen, nur einige Wörter kamen deutlich durch die Tür, jedoch konnte ich mir auf sie keinen Reim machen. Es ging da um "Bruderschaft" und die Unterbrechung eines "alten Rituals", um eine Gruppe die, wie ich glaubte zu verstehen: "Schattenherren" genannt wurde und noch mehrere eher geknurrte Laute als denn Worte.

Die Tür wurde aufgestoßen und vor mir stand ein etwa 30 bis 35 Jahre alter Mann mit 3 Tage Bart. Die Kleidung die er trug war schmutzig aber zweckmäßig für eingehende Waldexkursionen. Insgesamt machte er auf mich einen etwas genervten Eindruck. "Gut, du bist endlich wach, dann können wir ja weitermachen". Ich war mir nicht sicher, was er von mir wollte? Mit "was" weitermachen? Unsicher fragte ich nach: "Was meinst du mit weitermachen und hättest du die Güte mir zu erklären in welchem Alptraum ich gerade bin?

"Ist ja niedlich, du hast keine Ahnung?" - leicht ironisch grinste er mich an und setzte sich an mein Bett. "Hey, du steckst mittendrin und weist von nichts?" Langsam zog er die Bandagen von meinem Oberkörper und ich erwartete eigentlich gleich ein paar häßliche Narben oder zumindestens tiefe Kratzspuren zu sehen. Doch nichts dergleichen war unter den Bandagen zu sehen. "Wundert dich das? Dann warte ab bis du alles weist. In jedem Fall bist du mir was schuldig!" Daraufhin stand er auf. Etwas unsicher stand ich ebenfalls auf und sah das er, ebenso wie ich etwa 190 cm. groß war, was mir auffiel war die seltsame Gürtelschnalle die er trug, ein Wolfskopf mit aufgesperrtem Rachen und seltsam rot funkelnden Augen. "Eine solche Schnalle habe ich vor ein paar Tagen bei einem Trödelhändler gekauft. Wo sind eigentlich meine Klamotten? Und wer bist du eigentlich?"

"Hey - das ist meine Gürtelschnalle, Deine Klamotten liegen da drüben." Er wies auf einen Stuhl in der Ecke. "Zumindestens bist du einigermaßen anständig gebaut und nicht so ein Würstchen. Ich bin übrigens Wolfger! Ich schlage vor du ziehst dich erst einmal an und dann unterhalten wir uns beim Frühstück!" Ich ging zum Stuhl, wo meine Klamotten in einem wilden Haufen lagen und tausend Fragen gingen mir durch den Kopf. Wolfger verließ das Zimmer und ich zog mich erst einmal an, obwohl ich immer noch das Gefühl hatte, als hätte mich ein Pferd getreten. Doch es ging, schließlich wollte ich kein Waschlappen sein, der wegen ein paar Schmerzen herumjaulte.

Ich ging durch die Tür und sah Wolfger am Küchentisch sitzen. Auf dem Tisch war alles für ein leckeres Frühstück vorbereitet, doch hatte ich irgendwie Probleme mich hier einfach hinzusetzen und zu essen, schließlich war ja einiges passiert und ich war hier nackt in einem fremden Bett aufgewacht. "Stell dich nicht an, setz dich und iß was, ich erkläre dir dann alles in Ruhe" - so wies mir Wolfger den Platz ihm gegenüber zu. Ich setzte mich und nahm ein Brötchen, Butter und einen Klacks frisches Tartar. Plötzlich lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich konnte förmlich noch das Blut in dem frisch durchgedrehten Fleisch riechen. Unwillkürlich verkrampften sich meine Hände und ich würgte ein wenig.

"Klasse, wie ich sehe hat es schon angefangen - dann viel Spaß und willkommen..." Ich biß in das Brötchen mit dem rohen Fleisch und wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich. Gerade wollte ich zu einer klärenden Frage ansetzen, als Wolfger mich angrinste und sagte: "Na, das Tartar ist gut, oder - ist aber gar kein Tartar vom Rind. Na, was glaubst du was du da ißt..."

Ich wollte gerade entgegnen, was diese blöde Fragerei eigentlich sollte, als ich, wie in einem "Flashback", sah was ich da aß... 

 

 

Kapitel 6

Blitzartig tauchte wieder die letzte Szenerie von gestern Abend vor meinen Augen auf: ich wurde ja angegriffen von etwas was ja wohl nicht existent sein konnte - dennoch es war real gewesen. Ich schob meine Zweifel beiseite und ließ die Bilder kommen - ja da war es wieder, der Werwolf über mir und mein voraussichtlich letztes Stündlein... doch der gewaltige dunkle Schatten hinter ihm war wohl dann doch meine Rettung. Kurz bevor ich mein Bewußtsein verlor war da noch was - eine Klaue die den Werwolf über mir durchstieß und in den Krallen etwas hielt - das Herz des Werwolfs - mir wurde übel...

"Das geht vorbei, übergib dich ruhig. Du solltest es jedoch essen, ist schließlich so etwas wie eine Trophäe - eine Kriegsbeute". Wolfger ließ es sich schmecken und biß schon in das nächste Brötchen mit dem "Sonder-tartar", als ich mich wieder fasste und ihm in die Augen blickte. Der Appetit war mir zwar noch nicht vergangen, viel dringlicher wurden aber langsam meine Fragen: "Wo war ich, wer war Wolfger" und letztendlich "Wo bin ich da reingeraten". Wolfger schien meine Fragen zu erraten und begann schließlich zu erzählen:

"Also, nicht das mich falsch verstehst, aber dein bisheriges Leben kannst du getrost vergessen, ob du es willst oder nicht. Du gehörst nun zu uns und wahrscheinlich hast du den Weg noch nicht einmal willentlich eingeschlagen, im Gegensatz zu einigen anderen von uns.

Ich konfrontiere dich am besten gleich mit der vollen Wahrheit, wenn du sie nicht schon erahnst. Hör` mir zu und rede mir nicht dazwischen:

Wir sind die letzten unserer Art - wir sind Werwölfe des Fenris - Stammes und dazu auch noch gejagt von unserer eigenen Spezies. Wer uns da nachstellt erkläre ich dir später, den letzten haben wir ja gerade hier zum Frühstück... Also, du bist da durch eine Sache hineingerutscht, die ich noch nicht so ganz durchschaue - ich habe mir während deiner Bewußtlosigkeit einmal deine Gürtelschnalle angesehen, es ist die gleiche, welche ich besitze. Ich habe meine geerbt, von meinem Vater, und der wiederum von seinem Vater, der ebenso wie ich ein Werwolf war. Wir stammen aus einer Blutlinie ab, die schon immer dem Fenris - Stamm angehörte. Du hingegen gehörst gar nicht dazu, dennoch bist du jetzt einer von uns, wahrscheinlich ist Deine Gürtelschnalle aufgeladen gewesen mit der magischen Kraft des "Varulfen" einer alten Schrift, ähnlich dem was du vielleicht als Bibel kennst. Es ist die heilige Schrift der Werwölfe, seit Jahrhunderten verschollen, wir müssen Sie wiedererlangen, denn nun ist klar, das diese Gürtelschnalle bei der heiligen Schrift war. Keine Macht sonst hätte dich zu einem von uns werden lassen. Du mußt mir alles erzählen, denn ich glaube du hast zusätzlich an dem Kultplatz noch einen Ritus vollzogen, von dem niemand etwas wissen kann. Mein Schicksal ist von nun an auch das Deinige.

Iß nun das Fleisch vor dir, sonst wird dein Körper Dir Schmerzen bereiten, die du bestimmt nicht aushalten kannst und dann legst du hier alles kurz und klein und ich habe das Nachsehen. Du mußt von nun an alle Deine Kraft deinem Stamm zur Verfügung stellen und mit mir gemeinsam werden wir auch die zur Strecke bringen, die uns immer wieder versuchen zu jagen. Dein Feind ist von nun an der Stamm der Schattenherren, die ähnlich wie wir einmal die wahre Kraft der Werwölfe im "Varulfen" angeheult haben, doch über die Jahrhunderte des Verschwindens der heiligen Schriftrolle sind sie einer viel schlimmeren Kraft anheim gefallen - Macht... Wenn Sie die heilige Schrift in die Hände gekommen, werden Sie eine Armee von Schattenwölfen erschaffen, dies wäre dann unser Ende".

Ich biß in Brötchen - und schluckte den ersten Bissen herunter. Plötzlich durchflutete es mich heiß und ich merkte wie die Kraft und das Wissen des gegnerischen Werwolfs auf mich übergingen. Mir wurde schwindlig und ich mußte mich an der Tischkante festhalten. Im leichten Delirium sagte ich zu Wolfger: "Man du glaubst doch nicht, das ich das alles einfach so schlucke und mein Leben aufgebe. Ich habe einen Job und ich habe Freunde, ich werde mich doch nicht damit abfinden von nun an eine Sagengestalt, eine Horrorfigur zu sein... ich...."

"Glaub es oder glaub es nicht" sagte Wolfger "du hast keine Alternative - wir sind der Beweis, du bist es selbst und du weist es auch! Das ein Normalsterblicher einmal zu uns gehören wird, hätte ich allerdings nie für möglich gehalten. Wir müssen dich erst einmal dem Stamm zeigen - die werden es auch nicht glauben und du glaubst es schließlich ja auch nicht, irgendwie ein wenig witzig..."

Ich rieb meine Hände durch Gesicht, man das mußte ein Alptraum sein, was soll den das Ganze, ist ja lächerlich... OK, ich bleibe ruhig und gelassen, was soll`s.

"Wir beide sind jetzt so etwas wie Brüder. Ich bin Wolfger und wie heißt Du? Ich heiße... halt, sag nichts. Dein wahrer Name muß unerkannt bleiben, von nun an heißt Du für alle Wolfhardt. Präge Dir Deinen neuen Namen gut ein und nutze nur ihn, er schützt dich.

Neues Leben, neuer Name, neue Freunde, was sollte noch als nächstes kommen. Ich begann zu essen und mit Interesse verfolgte Wolfger, das ich das "Tartar" aß als wäre es Marmelade. Was soll`s fangen wir an, das neue Leben so zu nehmen wie es kommt. Vielleicht ist es doch nur ein Traum und Träume soll man schließlich genießen, oder?

Plötzlich schepperte irgend etwas im Keller, ich blickte auf eine Falltür neben dem Küchentisch und ich sprang auf, das Poltern unten wurde lauter und ein gefährliches Knurren drang zu uns nach oben herauf, Wolfger sprang nun ebenfalls auf und bedeute mir von der Falltür Abstand zu nehmen. Mit einem Ruck riß er sie auf... 

 

 

Kapitel 7

Ein Werwolf sprang heraus - blutige Leftzen und ein abgrundtiefes Heulen schwang uns entgegen. Mit einem Sprung saß der Werwolf auf dem Brustkorb vom Wolfger und riß ihm das T-Shirt vom Leib. Ich war gegen den Tisch geprallt und lag zwischen den Resten unseres Frühstücks. Ich konnte gar nicht schnell genug reagieren und begreifen was ich dort sah. Als plötzlich Wolfger lachte und dem Werwolf langsam zu sich hinab zog. Eine nicht ganz normale Szene, allerdings wenn ich bedenke, daß Werwölfe ohnehin nicht ganz normal sind, dann spielt es wohl auch keine Rolle.

Als Wolfger sich zu mir drehte und grinsend sagte: "Das ist unser Youngster - Wolfram - der macht immer so`n Spaß" glauibt ich erst nicht richtig hingehört zu haben. In sekundenschnelle schien sich der Werwolf zu verwandeln - in einen ca. 18 Jahre alten durchschnittlichen Jungen mit blondem Haar und leichter Körperbehaarung. Die beiden lagen wie verknäult aufeinander und entwirrten sich schnell. Als Wolfger ihm in die Rippen stieß und leicht knurrend meinte: "Wolfram - noch einmal so `ne Aktion und ich reiß dir dein Gehänge ab", lachend reichte Wolfram mir die Hand.

"Hey, hab schon gehört, du bist also Wolfhardt" wobei er vielsagend mit den Augen rollte und mich anstrahlte, als gäbe es gleich Geschenke. "Ich freu` mich ehrlich, endlich mal `ne Abwechslung bei uns. Wir werden ja eher weniger als mehr und außerdem hätte ich gerne mal jemanden mit dem ich die Natur durchstreifen kann... ich kenne da ein paar lauschige Plätze im nahegelegen Forst..." "Wolfram nicht jetzt, wir haben ganz andere Probleme" schnitt ihm Wolfger das Wort ab. "Süßholzraspeln kannst du später, jetzt müssen wir erst einmal sehen wie unser neuer Freund zu seiner Gürtelschnalle gekommen ist. Interessiert musterte Wolfram die Gürtelschnalle - "mhhh, sieht aus wie unsere - aber kein Fenriswolf verkauft, verschenkt oder verliert seine Gürtelschnalle?"

Ich stellte den Stuhl und den Tisch wieder auf und setzte mich. "An und für sich war ich gerade beim essen - und ich schätze es gar nicht, wenn ich beim Frühstück unterbrochen werde. Außerdem haben wir hier jetzt auch noch einen "Jungwolf" den ich gar nicht kenne und dich, Wolfger, kenne ich im Grunde genommen auch noch nicht richtig. Ich hätte gerne ein paar mehr Informationen, ich möchte einfach wissen was mit mir los ist und wo ich da hineingeraten bin. Für mich ist das alles immer noch wie ein Horrorfilm".

"Ich hatte Dir doch eben alles bereits grob erzählt", sagte Wolfger, "eigentlich ist es ziemlich einfach: du gehörst defakto zu uns und wirst mit uns gegen die Schattenwölfe kämpfen". Langsam dämmerte mir etwas unangenehmes, anscheinend kam ich hier nicht mehr so einfach raus. Ich, ein Werwolf, diese blöde Schnalle und das alte Buch mit dem Ritual, ich mußte es ja ausprobieren. Wer zu neugierig ist, kommt darin um, heißt es... Scheiße, ich war neugierig gewesen...

"Woher hast du die Gürtelschnalle?", fragte mich Wolfger. "Ich muß es wissen, irgendetwas stimmt nicht, Wolfhardt, wir sind in Gefahr entdeckt zu werden". Ich erzählte ihm von dem Trödel-/ und Mittelalterwarenhändler in der Lahnstraße. Wolfger unterbrach mich rasch und sagte: "dort müssen wir hin - sofort".

Wolfram schloß ab und wir stiegen in einen Mini-Couper. Wie sich herausstellte war es der Wagen von Wolfger. Nach 30 Minuten kamen wir in der Lahnstraße an und wir stiegen aus und gingen auf den Eingang zu. Im Geschäft brannte kein Licht und nicht bewegte sich dort. "Ich glaube es ist keiner da" sagte ich - "der Besitzer hat auch nicht immer auf, seine Öffnungszeiten hängen von seinen Launen ab" Wolfger drückte die Klinke herunter und die Tür öffnete sich, Wolfram war hinter ihm und ich ging als letzter in den dunklen Laden.

"Hallo, sei gegrüßt edler Hökerer", sagte ich, doch nichts schien sich zu rühren. "Er wird im Lager sein oder im Keller" entfuhr es mir, als mit einem Scheppern die schwere Ritterrüstung neben dem Eingang auf mich stürzte...  

 

 

Kapitel 8

...doch davon mehr beim nächsten mal...